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Engel...

Der Rest des Tages verging ereignislos, ich freundete mich etwas mit Till an und er erzählte mir von einem Skatepark, wo er mich gerne mal mit hinnehmen wollte. Ich versprach ihm, dass irgendwann mal zu machen, dann verabschiedeten wir uns und ich ging zum Parkplatz. Martin stand an sein Auto gelehnt da und suchte die Menge der Schüler nach mir ab. Ich winkte zögerlich und als ich mich ins Auto setzte merkte ich, dass Marie schon drinnen saß. "Und, wie war dein Tag?" Fragte ich sie aufmunternd lächelnd. Sie antwortete nicht, sondern wischte sich nur die Tränen aus den Augen und schaute aus dem Fenster. "Was ist passiert?" Martin startete den Motor und fuhr los. Marie antwortete immer noch nicht, ich machte mir wirklich Sorgen, aber vieleicht wollte sie einfach nicht vor Martin reden. Wir kamen an dem Hof an und als ich aus der Tür raus war, lief Marie grade ins Haus. Ich seufzte und nahm ihre Tasche, dann folgte ich ihr. Die Küche war bis auf Martin, der sich die Schuhe auszog, leer. "Ich geh nach oben." Murmelte ich und rannte die Treppen zu Maries Zimmer hoch. Mir fiel auf, dass ich es noch gar nicht gesehen hatte. Ich wusste, dass es sich unter meinem befand. Ich klopfte an der Tür, keiner antwortete. Ich stieß die Tür auf und sah einen nur halb so großen Raum wie den meinen, er war aber schon vollständig eingerichtet. Ich hörte Maries Schluchzen aus ihrem Schrank. Ich stieß die Tür auf und da saß sie, eingerollt in ihren ordentlich aufgestapelten Klamotten. Ich quetschte mich neben sie und nahm sie auf meinen Schoß. "Marie, was ist los? Ist die neue Schule so schlimm?" Marie schluchzte und schüttelte den Kopf. "Die Schule ist gut." "Was ist es dann?" Marie weinte und weinte. "Ich will zu Mama und Papaaa!" Schluchzte sie. Ich umarmte sie noch fester. "Du bist doch bei ihnen. Sie sind immer da. Jede Sekunde, auch jetzt. Du siehst sie zwar nicht, aber sie sind da. Und sie lieben dich, sie lieben dich so sehr wie ich dich liebe. Und wie Minna dich liebt. Und wie dich vieleicht auch mal Martin lieben wird." "Martin ist nicht Papa." "Nein, nein auf keinen Fall. Keiner ist so wie Papa oder Mama. Aber sie sind unsere nächsten Verwandten und Minna ist doch auch da." Marie sagte nichts mehr, ihr weinen verebbte langsam. "Komm, Minna hat gerufen, es gibt essen." Ich zog sie hoch und wusch ihr das Gesicht, dann gingen wir nach unten. Minna deckte grade den Tisch und Martin kam grade durch die Wohnzimmertür. "Na, wie war die Schule?" Fragte Minna aufmunternd. "Gut." Sagte ich kurz angebunden und setzte mich hin. Marie plapperte aber drauf los "Wir haben heute unser Lieblingstier gemalt und wir sollten es dann beschriften, wir sollten sagen wo der Hals und wo die Beine und die Füße und..."

Nach dem Essen machte ich den Abwasch während Minna Marie ins Bett brachte. Ich dachte, wie so oft, an meine Eltern. Was sie jetzt grade wohl machten? Ob sie mich wirklich in eben diesem Moment beobachten und sich fragten, warum ich damals, als sie noch lebten, nie den Abwasch gemacht habe? Warum ich hier so lieb und nett war, und früher so zickig und anstrengend. Ich schüttelte den Kopf und räumte das letzte Teil weg, dann wollte ich hochgehen. "Warte noch kurz, Alice. Wir müssen über die Schule reden." Minna war grade wieder runtergekommen und wir setzten uns an den Tisch. "Ich habe mit der Direktorin geredet, sie nimmt euch gerne auf, aber ihr müsst schon morgen wieder in die Schule gehen. Es wird dort kein Fehltag geduldet, der nicht mit einem ärztlichen Atest entschuldigt ist und es werden gute Noten erwartet. Ich will euch eigentlich nicht so einem Druck aussetzten, aber es ist die einzige Schule im Umkreis und aus euch soll schließlich auch was werden." Ich nickte bloß. "Okay." "Und noch kurz zu deinem Zimmer, wie gefällt es dir?" "Gut, nur etwas leer." "Wir hatten nur noch dieses Bett. Am Wochenende gehen wir Möbel einkaufen. Ist das okay?" Ich nickte wieder. "Klar." "Okay." Minna rieb sich müde die Augen. Sie hatte dunkle Augenringe und sah sehr mitgenommen aus. Als ich aufstand und hochgehen wollte, nahm ich sie nochmal kurz in den Arm und flüsterte "Du bist die tollste Tante der Welt."

17.9.12 20:32

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